01 Sep
Kleine Literaturgeschichte der Krawatte

Kleine Literaturgeschichte der Krawatte

 

Um 1660 gab es Aufregung in Paris.

 

Ein Regiment kroatischer Söldner, das im Dienste des berühmt-berüchtigten Louis XIV. stand, war in der Stadt. Ihre Uniform enthielt unter anderem auch ein um den Hals geschlungenes Tuch, das von der modebegierigen Pariser Gesellschaft sofort aufgegriffen und zum neuesten Modetrend gemacht wurde. Die Überlieferung besagt, dass daraufhin die französische Aussprache des Wortes „Kroate“ zu unserer „Krawatte“ wurde. Eine sehr überzeugende Erklärung. Leider gehört sie ins Reich der Legende. Denn auch wenn sich in Kroatien, insbesondere in Zagreb, immer noch eine bedeutende Krawattenindustrie befindet, so wurde der Begriff „Cravate“ bereits im vierzehnten Jahrhundert verwendet.

 

Er taucht in einer Ballade des französischen Lyrikers Eustache Deschamps (1345 – 1404) auf und meint dort einen schmalen Seidenschal. Auch in den im sechzehnten Jahrhundert zuhauf auftauchenden Mode- und Kostümbüchern spielt die „cravata“ bereits eine Rolle. Die ernsthafte Beschäftigung mit dem manchmal als „Kulturstrick“ verunglimpften Binder scheint wesentlich später eingesetzt zu haben.

 

Erst 1818 erscheint in London das Standardwerk „Neckclothiana“eines unbekannten Autors. Es sollte nicht lange das einzige bleiben.

Zweiunddreißig verschiedene Krawattenknoten kennt bereits das Buch „L’art de mettre sa cravatte“, das entgegen landläufiger Meinung nicht von Honoré de Balzac, sondern von einem Adeligen namens Saint Hilaire verfasst wurde und im Jahre 1827 erschien. Balzac als Urheber zu vermuten, lag nahe, stammt von ihm doch das wohl leidenschaftlichste Plädoyer für das dekorative Kleidungsstück: „Ein Mann ist so viel wert wie seine Krawatte“, äußerte er. „Durch sie enthüllt sich sein Wesen, in ihr zeigt sich sein Geist.“

 

Auch die britischen Dandys des 18. und 19. Jahrhunderts legten größten Wert auf die Krawatte, ohne die der vollendetste Gentleman nicht gesellschaftsfähig sei. Große Modevorbilder wie der britische Adelige Beau Brummel verbrachten täglich mehrere Stunden damit, die Krawatte perfekt zu schlingen. Da der Gentleman von Welt am Tag mehrmals seine Garderobe wechselte, gehörten dazu natürlich auch Unmengen von Krawatten.

 

Wenn man Fachliteratur zur Krawatte nur in den Modesektionen der Buchhandlungen sucht, entgeht einem das wohl ungewöhnlichste Kleinod der Krawattenliteratur. Die beiden Physiker Thomas Fink und Yong Mao setzten sich mit naturwissenschaftlicher Präzision mit dem korrekten Knoten für Krawatten auseinander. Ob ein Krawattenknoten gut aussehe, lasse sich anhand einer Formel berechnen, behaupten sie und kommen so auf „Die 85 Methoden, eine Krawatte zu binden“. Alle diese gutaussehenden und teils extrem ungewohnten Knoten haben die beiden in furchtlosem Selbstversuch ausprobiert.

 

Dem heutige Angebot an Krawattenführern und Krawattenhandbüchern steht auch ein gesteigertes Interesse der unterhaltenden Literatur am Binder entgegen. Arthur Schnitzlers 1903 entstandene Kurzgeschichte „Die dunkelgrüne Krawatte“ ist eine brillante Satire auf Doppelmoral und Heimtücke. Und der iranische Schriftsteller Huschang Golschiri betitelt gar eine orientalisch-abenteuerliche Spitzelerzählung mit dem Namen „Der Mann mit der roten Krawatte“.

 

Wenn sie also ihren Hals mit einem dezent gebundenen Binder schmücken, wenn sie etwa mit einer gemusterten Krawatte Individualität beweisen oder mit einem eleganten Halsschmuck ins Theater gehen, befinden sie sich in bester Gesellschaft – in der der Größen der europäischen Geistesgeschichte.

 


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